Badische Zeitung / Dienstag, 02.04.1996

Den Klang brechen

Freiburg: Robert Dick und Uli Kieckbusch im SWF-Saal


Uli Kieckbusch hat alle Hände voll zu tun. Auf dem Notenständer neben seinem Flügel liegen Radiergummis, Palisanderstäbe, Kochlöffel, und getrocknete Zitronen bereit. Während er auf den Tasten großzügige, oft dunkel dröhnende Klangwände errichtet, verteilt er den Hausrat nach und nach im Innenraum seines Instruments. Einige Saiten beginnen zu scheppern, andere bekommen nur noch ein metallisches Krächzen zustande - verrissene, stumpfe Schläge, die in nichts mehr an den vollen, klaren Ton eines Pianos erinnern.

Keine Frage: Uli Kieckbusch und der New Yorker Flötist Robert Dick hatten bei ihrem Auftritt im Schlossbergsaal des Südwestfunks in Freiburg vor allem die Sabotage des konventionellen Klangs im Sinn. Die eigentümliche musikalische Sprache, die sie dabei entwickelten, beschrieb das "Experiment" im besten Sinne als eine spielerische Methode, die Soundgrenze ihrer Instrumente zu erweitern. So laborierte Robert Dick an seinen Föten (Piccolo-, Konzert-, Bass- und F-Bassflöte) vorzugsweise zwischen leise klagenden Flageoletts, hart akzentuierten Klappen- und Luftgeräuschen und einem schnarrenden, an den Klang einer Sitar erinnernden Ton.

Die gebrochene Schönheit, mit der seine Improvisationen im Resonanzkörper des Flügels verhallten, bildete zugleich die Folie für Kieckbuschs ungeahnte Ausflüge in die Welt der labilen Klänge und Störgeräusche. Sie gipfelten schließlich in der Improvisation über das Thema einer Spieldose - eine banale Blechbüchse von der Form eines Kreisels, rundum mit bunten Bildchen beklebt. Als Kieckbusch an ihrer Kurbel drehte, zirpten im Innern winzige Metallzungen eine seltsam schräge Melodie - pling, plong, pling, plong. Das Klavier stimmte in sirrendem Unisono ein, aus der Flöte atmete ein obertonreiches Rauschen... Konkreter und zugleich entrückter ließe sich wohl nur mit dem Knacken in Telefonleitungen oder dem Ende der Radioskala improvisieren.