Fuldaer Zeitung / Dienstag, 26.06.2001

Kultursommer Main-Kinzig-Fulda: Konzert in Kleinsassen mit dem Duo Günter "Baby" Sommer und Uli Johannes Kieckbusch

Vom Prozess, wie Musik entsteht


Hofbieber-Kleinsassen. "Wir haben nicht geübt; es herrscht freie Rede und Gegenrede. Sie können den Prozess, wie Musik entsteht, live verfolgen." Mit diesen einleitenden Sätzen Günter "Baby" Sommers ist kurz und präzise umrissen, was das erste Konzert der von den Jazzfreunden Fulda veranstalteten Sommerreihe "Musik in der Galerie" in der Kunststation Kleinsassen so faszinierend machte.

Das Duo Günter "Baby" Sommer (Schlagzeug, Perkussion) und Uli Johannes Kieckbusch (Klavier) lieferte vom ersten bis zum letzten Klang ausgehörten, experimentellen Jazz vom Feinsten. Äußerst sensibel gingen die Musiker sowohl bei eruptiven als auch zart lyrischen Passagen aufeinander ein. Überwiegend jenseits metrischer, rhythmischer, harmonischer und melodischer Gebundenheit entstand eine besondere Art von Verbundenheit, die den freien Jazz des Duos kennzeichnete.

Als besonders spannungsvoll erwiesen sich die klanglichen Experimente. Kieckbusch präparierte seinen Flügel mit allerlei Materialien etwa nach dem Beispiel des "Prepared Piano" eines John Cage und erzeugte sehr fantasievolle Klänge, auf die Sommer in unterschiedlichster Weise reagierte. Manchmal gab auch der Schlagzeuger melodisch-rhythmische Patterns oder Ostinati vor und Kieckbusch behandelte (wobei man von fern an Bartóks Klavierkonzert erinnert wurde) das Piano als perkussives Instrument.

Herrlich gelang dem Duo das Sich-Verflüchtigen eines Klangs am Ende der Intro, ein morendo im wahren Wortsinn, das nichts mit dem von billigen Plattenproduktionen her bekannten "Fade out" gemein hatte. Ekstatische Klangballungen entstanden dann vor allem im mittleren bis tiefen Bereich bei dem ergreifenden "Es geht ein' dunkle Wolk". Hier ließ Günter "Baby" Sommer, den die Jazzfreunde schon im vergangenen Jahr zusammen mit dem Saxofonisten Ekkehard Jost an gleicher Stelle genießen durften, seiner Klangfantasie und auch seiner Spielfreude freien Lauf.

Besondere Erwähnung verdienen die fünf Miniaturen mit äußerster Materialbeschränkung, die von fern an Anton Weberns Aphorismen (selbstverständlich mit völlig anderem musikalischen Ansatz) erinnerten.

Begeisterter Applaus zum Schluss zeigte, dass auch den Zuhörern solch intensives Improvisieren sehr gut gefallen hatte.

Reiner Ruhl