Grenzbote / Freitag, 20.06.1997

Uraufführung

"Quartio": Das Wesentliche liegt in der Improvisation


Zur Ausstellung "Tuttlingen im Quadrat" in der Städtischen Galerie gab es ein besonderes Ereignis, nämlich die Uraufführung der Auftragskomposition des Kunstkreises "Quartrio" Musik im Quadrat von Uli Johannes Kieckbusch.

Tuttlingen - Im Rahmen der Vernissage erklang sie, gespielt von Uli Kieckbusch, Klavier, Burkhart Jäckle, Flöte, und dem Schlagzeuger Christian Wohlfahrt.
Gleich zu Anfang spielten Klavier und Flöte über einem Dreitoncluster eine Kette großer Septimen. Aha, 4+3=7 laut dem Titel Quartrio. Und das Schlagzeug gab Vierer-Rhythmen in Dreierblöcken und Dreier-Rhythmen in Viererblöcken hinzu. Dies war jedoch nur der Anstoß. Das Wesentliche des Werkes liegt in der Improvisation, für die eine Vierton- und eine Fünftongruppe in weiten Intervallsprüngen vorgegeben war, die es auszufüllen galt. Da fand eine ungemeine Verdichtung statt, ein wahres Feuerwerk in Tönen brannte ab. Und am Höhepunkt, hörte man recht? Wie klangen da die Flötentöne plötzlich nach herkömmlichen Begriffen falsch! Es waren vierteltönige Intervalle, die diese Eintrübung erzeugten. Die Flöte ging zu verhauchten Tönen über, zum Schluß blieb nur noch Luftgeräusch und Klappengeklapper übrig. Es war da der Stadtbrand in Tönen dargestellt, von dem nur noch rauchende Trümmer übrig blieben. Das Klavier blieb auf einer Sechzehntelkette ab "b" stehen und ein kurzer, lichter Schluß, der zum Anfang zurückführte, hängte sich an.
Diese Uraufführung war so überzeugend nur möglich, weil Kieckbusch und Jäckle während ihrer Trossinger Studienzeit schon miteinander musiziert und gejazzt hatten. Mit dem Schlagzeuger musiziert Kieckbusch sowieso immer zusammen. An diesem konnte man bewundern, daß er den Klang der beiden anderen Instrumente nie zudeckte, sondern immer gleichberechtigter, sensibler Partner blieb.
Bei der Finissage am heutigen Freitag, 20. Juni, sind Kieckbusch und Wohlfahrt nochmals zu hören, jedoch ohne Burkhart Jäckle, denn die Münchner Philharmoniker möchten ihren Solo-Flötisten nicht gerne entbehren.

Siegfried Burger