Jazzpodium Januar 1985

Irène Schweizer / Uli Johannes Kieckbusch


Irène Schweizer betritt ohne ein Wort an die Zuhörer das Podium, zieht die Lederjacke aus, trinkt einen kleinen Schluck Sekt und setzt sich an den Flügel, der zwei Tage vorher gründlich gestimmt worden ist. Als wolle sie Maß nehmen, betrachtet sie die schwarz-weiße Elfenbein-Tastatur, das schwarzpolierte Klangteil. Ein Akkord mit Riesenintervall: und dann folgt ein Auftritt, wie ihn die Trossinger Musikhochschule wohl noch nie gesehen hat und den man lange nicht vergessen wird.

Die zierliche Irène Schweizer läßt Läufe perlen, scharf, als wären sie mit dem Laserstrahl gestochen. In rasantem Tempo baut sie Klangbilder auf, mit jähen Abgründen. Dabei wippt sie mit den Füßen, stampft, springt plötzlich auf und attackiert die Tasten mit präzisen Ellenbogen- und Unterarmschlägen. Mit Stöckchen und Stäben bearbeitet Irène die Saiten im Inneren des Flügels, fabriziert harte Akkorde, ineinanderfließende Läufe, wehende Glissandi. Dann wieder scharfe, prägnante Virtuosität auf den Tasten, und der Schlußton: ein Klang-Kosmos in einer über halbstündigen Improvisation. Die Zuhörer jubeln.

Es wundert nicht, daß Uli Kieckbusch, der andere Solist des Abends, angesichts dieser Rasanz anfangs Schwierigkeiten mit seinen Läufen zu haben scheint, die sonst glänzend kommen. Auch die leicht zähe Mechanik des Steinway-Flügels mag an diesem Eindruck Anteil haben. Die Kieckbusch'sche Komposition freilich - klangliche Betrachtungen zu einem Satz Wittgensteins, daß das Ganze aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet das Ganze ist - ist interessant, vermittelt Einsichten. Viel Beifall gibt's für sein zweites Stück nach einem Robert-Walser-Gedicht. Das wird witzig und publikumswirksam mit klaren Linien und dem Einsatz der verschiedenen Hupen vorgebracht; virtuos gespielt und erfrischend kurz.

Im zweiten Teil ist ein Duo von Irène Schweizer, weltweit gefragter Jazzerin und wohl eine der wichtigsten Pianistinnen, mit Uli Kieckbusch angesagt. Uli Kieckbusch ist in der südwestdeutschen Region bekannt. Aber ob das jetzt gut geht, diese Begegnung besonderer Art? Ja. Uli Kieckbusch macht seine Sache hervorragend, fällt nicht angesichts der Schweizer'schen Vorgaben in Starre. Ein solches spannendes Zusammenspiel hat kaum einer erwartet in der Aula der Musikhochschule, zumal die beiden vorher zwar miteinander Kaffee getrunken, aber kein Musikstück vorbereitet haben.

Irène Schweizer arbeitet mit Schellen, wirft Stäbe in die Seiten, die mittlerweile leicht verstimmt sind, während Uli Kieckbusch den Oberton singt, beinahe wie Michael Vetter oder Roberto Lanieri. Dann wieder Rhythmik und minimalistische Patterns, erstaunlich viel Tonales: Trillerpfeifen, wilde Läufe, Fußgestampfe, Händeklatschen, Töne, die bis an das unterste Ende der Tastatur verfolgt werden.

Für die beiden Musiker und das Publikum, das teilweise eine weite Fahrt auf sich genommen hatte, war's ein beeindruckender Abend. Ob die beiden nochmals zusammenspielen würden? Gewiß. Aber da fehlen die Veranstalter, die ein Herz für den Jazz, etwas Experimentierfreude und zwei gute Flügel haben.

Bernd Guido Weber