Neckarquelle / Samstag, 04.04.1998

Uli Johannes Kieckbusch: "Music for a Solo Piano"

Vom Winter, dem Abschied und dem Mond


Der pianistische Griff nach den Sternen - das ist des Trossingers Künstlers seit je. Die Gedanken erheben sich hier und jetzt, durchkreuzen Räume menschlicher Vorstellungskraft und Fantasie, zerfließen im Universum der Einbildungen und Utopien. Solches Fühlen und Spielen bedarf nicht ehernen irdischen Formen, schriftlich vorgefertigten Rastern. Kieckbusch findet sich am Klavier eher wieder in der Aufforderung zur Freiheit, zur Spontaneität, wie sie der Jazz der fünfziger und sechziger Jahre bereithält. Seine Musik ist zwischen Auskomponieren von Stille und eruptiven Ausbruch von Klangmasse und Rhythmusmach guterdings nicht greifbar. Sie zerfließt dem Pianisten förmlich unter den Fingern. Das macht ihren besonderen Reiz aus.
Die vorliegende Compact Disc enthält vier Kompositionen/Improvisationen, die verschiedenen Künstlern, die auch zumindest ideelle Weggefährten sind, gewidmet wurden. "Mars" ist dem Jazzpianisten Cecil Taylor zugeeignet, "einem der wichtigsten Pianisten, Improvisatoren und Innovatoren des 20. Jahrhunderts" (Kieckbusch). Prinzipien des Aufbruchs (astrologisches Marszeichen) und der zarten Passivität (Mond) bestimmen diese Musik. In "Soprano" obsiegt das frei-fantasierende Element. Dies ist ein Tönen für den britischen Saxophonisten Evan Parker. Klangcharakteristika der hohen Lagen des Sopransaxophons, in kontinuierlicher mit "Rundum-Atmung" vorgeführt, sind Vorbild für "Soprano".
"Winter has come" ist Kieckbuschs Yogalehrerin Ilse Braun dediziert. Das weitgehend tonal angelegte Stück ist zurückgenommen auf die versonnene Geste, die Meditation, musikalisch auf Traditionen harmonischer und dynamischer Feinabstimmungen.
Das über dreißig Minuten dauernde zentrale Werk dieser CD ist eine großangelegte Zeremonie des Abschieds auf der Grundlage eines Leides aus dem Dreißigjährigen Krieg: "Es geht eine dunkel Wolk herein; es soll und muß geschieden sein." Das Naturbild als musikalisches Stimulanz für eine bedrückende, schmerzliche Atmosphäre. "Dark clouds", "dedicated to K", ist ein vierteiliger Zyklus in drei Sätzen und einem Epilog. Auffallend dabei ist, daß dass zweite Stück mit einer Spieldauer von 22 Minuten die anderen gleichsam als Aphorismen hinter sich läßt.
Kieckbusch will ohne Weinerlichkeit Trauer und Leid als Teil des ganzheitlichen Lebens in eine Art von "europäischen Blues" modeln. Indessen: Trotz Anspielungen auch an andere Jazzstile ("Cool"-Jazz, New Yorker Schule), Aleatorik und Verfahrensweisen Cages (präparierte Klavierseiten) schwingt in Uli Johannes Kieckbuschs Musik etwas Ureigenes mit: Nennen wir es eine eminente Schöpferkraft der Entscheidungslosigkeit. Diese "Musik zwischen allen Stilen" läßt sich eben nicht sedieren, sie schwingt zwischen allem und nichts einher und definiert sich so als zeit-los, als raum-los.
Eine hochinteressante, mit Engagement, Leidenschaft und technischer Präsenz aufbereitete Musik der "Fassungslosigkeit". Im übrigen: Die Aufnahmequalität dieser Einspielungen auf dem Bösendorfer Flügel der Galerie Vayhinger in Radolfzell ist hervorragend.

Ulrich Dalm