Schwarzwälder Bote / Montag, 05.02.1996

Spannende Sensibilität schafft sich Raum

Zeitgenössische Musik im Atelier von Markus Wernert / überraschend viele Besucher


Trossingen. Es beginnt mit einem Rauschen. Aus dem Nichts schien dieser Klang zu kommen, unwirklich, synthetisch, der sich verdichtet, Präsenz gewinnt, sich in fast eruptiver Dynamik Raum schafft, in Harmonien fällt, sich aus der Spannung zwischen Baß und Diskant definiert - und dennoch seinen meditativen Charakter kaum preisgibt. Es ist ein Doppelpunkt, ein Ausrufezeichen, das die Akkordeonistin Christine Pathé an den Beginn des Konzerts setzt, und ein Fragezeichen. Ein anderes Fragezeichen hat sich indes in Luft aufgelöst. Was über den Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik bisweilen wie ein Damoklesschwert droht, zerfiel am Samstag abend in der Birk-Fabrik zu vieler Erstaunen zu Staub.
Die Neue Musik hat ihr Forum, auch in der Musikstadt, und je nachdem wo sie sich ereignet trifft man auf eine unterschiedliches Publikum. Deshalb war der Beginn des Konzerts auch nicht dessen "aller Anfang", denn nämlicher gestaltete sich zunehmend schwer. Nachdem kurz vor acht an Sitzplätzen im Atelier des Malers Martin Wernert noch kein Mangel war, gestaltete es sich kurz nach acht zunehmend schwierig, auch nur einen Stehplatz ausfindig zu machen. Eine halbe Stunde begann das Rauschen in Toshio Hosokawas "Sen V".
Uli Johannes Kieckbusch gab Erläuterungen zu den Werken, Hintergründe, die zwar nicht zwingend notwendig, hilfreich allerdings allemal waren, das zu Hörende einzuordnen, zu erkennen, die Inhalte hinter den musikalischen Ausdrücken zu sehen. "Frau - introvertiert" entstand anläßlich einer Ausstellungseröffnung mit Werken Martin Wernerts, und solche hingen auch bei Konzert im Atelier. Musik sehen und hören. Und wie das tonige Bild wirkte die Musik, homogen, in sich geschlossen, in sich versunken, introvertiert. Selbst die Lichteinfälle, diskantische Vorsdchläge bei Piano und Akkordeon, die akzentuierte Struktur in die Oberfläche zu bringen, vermögen nicht einzudringen. Das Aufwühlende kann nicht ausbrechen, spielt sich unter der Oberfläche ab. Der Hörer kann eintauchen in das Aufbegehren des Inneren.
"Nachklang" ist der Eindruck eines Besuchs, den Kieckbusch im vergangenen Jahr nachklingen ließ und für drei Sängerinnen, Akkordeon und Klavier faßte. Auch hier brach sich die Spannung nicht, kam sensible Musik zwingend ans Licht. Almut Schuster trat trotz Krankheit als Solistin auf, erzählte den Nachklang, klang nach vom ersten Versuch der Artikulation, schüchtern, hastig, weit entfernt von den strahlend heimlichen Stimmen der beiden Sopranistinnen Dorothea Mertens und Andrea Zabold. Doch dann erhebt sich die Stimme, faßt die Sprache Fuß, bricht aus, wird bestimmend, dominiert sogar über das Akkordeon, das in diesem Werk bisweilen zu stark durchschien, das Vokalgeflecht störte, selbst Goetz Mursch am Klavier unhörbar werden ließ. Mit "a pause is no end" für Akkordeon solo endete der erste Teil.
Nach der Pause interpretierte Christine Pathé Krebs' "Musik für Akkordeon" und setzte ein Ausrufezeichen an den Anfang. Auch das klingt nach: So unvermittelt der zweite Teil begann, so symbolisch war er doch für das ganze Konzert: massiv, drastisch, sensibel, spannend. Ein Spiel aus Situationen und Prozessen, vermittelt im Puls langer Wellen. "The way you treat me": Ein Zyklus aus zorniger Entrüstung, einem Nachklang in Wut von Kieckbusch und Annika Neipp gesungen, von den Trompetern Hyun-Sun An, Rochus Aust, Arpad Fodor, Bosco Pohontsch und Heinrich Sauer markiert, fanfarenreich wiederholt, und dem antipodischen "I'm sorry".

Bodo Schnekenburger