Schwarzwälder Bote / Montag, 26.04.1999

Ein Gesamtkunstwerk im passenden Ambiente

Ungewöhnlicher Abend im Theater im Badhaus


Rottweil. Materielle Objekte und Töne, Klänge, Geräusche aus ihrem gewohnten, alltäglichen Umfeld herauszunehmen und sie auf sich selbst zurückzuwerfen, auf ihre ganz eigene Materialität und Form reduzieren - auch einer der bekanntesten amerikanischen Komponisten dieses Jahrhunderts, John Cage, hat für sich und seine musikalische Sprache diesen Weg des Ausdrucks entwickelt, ein Weg, der frei machen sollte von jeder tradierten Kompositionstechnik und dem persönlichen Geschmack; ein Weg, der dem Interpreten größtmögliche Freiheit einräumt, da nur die Rahmenbedingungen für die Aufführung vorgegeben sind. "John Cage meets Eric Saite & goes U. J. Kieckbusch" stand am Samstag abend auf dem Programmzettel des "Theaters im Badhaus".
Besucher für Besucher - es war fast ausverkauft - trat in das Theater, klimperte nach Kleingeld, machte noch etwas Small talk, begrüßte Bekannte, suchte sich einen Stuhl, auf dem er sich knarrend niederließ, Beine und Mantel und Tasche in eine bequeme Stellung bringend. Ach da sitzt ja schon einer am Flügel: "Übt der noch, oder bin ich doch wieder zu spät?" Aus den erst zufällig, im allgemeinen Gewirr gehörten Tönen entwickelt sich leise und eindringlich eine zwingende Tonfolge - "Vexations (1893-1895)" von Eric Satie. Eric Satie, ein Mittelpunkt des künstlerischen Lebens in Paris in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, schrieb eine bewußt emotionslose, stilistischen reduzierte Musik; die "Vexations pour se jouer 840 fois de suite" sind in den "Pages mystiques" zu finden, sie wurden 1963 von John Cage uraufgeführt, in 18 Stunden und 40 Minuten, mit wechselnden Pianisten. Der Wirkung der Klänge im Raum auf der Spur ist "Four³" von John Cage für zwei Klaviere, Akkordeon und Rainsticks mit U. J. Kieckbusch, Susanne Kieckbusch, Willi Sauter und Altfried Weber. Dazwischen sitzend der Zuhörer, unmittelbar von den Tönen und Geräuschen, den Rhythmen betroffen. Uli Johannes Kieckbuschs Kompositionen und Interpretationen, ob für Piano, "Toy Piano" oder für "Four" entwickeln sich in und aus einem Spannungsfeld von höchster Expressivität und auf das minimale reduzierter Tonsequenzen. Er experimentiert mit klanglichen Veränderungen des Flügels ebenso wie mit den "geringen" Möglichkeiten eines Spielzeugklaviers. Das kann ganz laut, ganz fröhlich, ganz witzig sein, findet aber wieder zur Stille zurück, aus der es sich herausdrängte.
Während und nach dem Konzert, das zum Zuhören, zum darauf Einlassen aufforderte und faszinierte, die "Tasten-Saiten-Objekte", eine Ausstellung von 15, in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Werken von U. J. Kieckbusch. Isabel Grüner erläuterte in ihrer Einführung die Wechselwirkungen zwischen den Künsten, ihre Grenzüberschreitungen, wie sie sich in der Avantgarde-Bewegung manifesiert haben und findet diese Tradition auch in den "Tasten-Saiten-Objekten" des Balinger Musikers und Künstlers, der "Abfälle" des Klavierbauers verwendet, Saiten, Pedale, Hämmer oder Tasten, und sie in Knoten oder gebündelten Sequenzen, in Reihen oder im Chaos, entlang den "Kompositions"-Prinzipien moderner Musik, arrangiert.
In der Pause luden Susanne Kieckbusch mit der Querflöte und Willi Sauter am Klavier mit Eric Saties "Gymnopédies" zu einem Umhergehen zwischen den Objekten ein. Der Abend an sich - ein Gesamtkunstwerk im passenden Ambiente des Badhaus-Theaters, eine lockere unmittelbare Atmosphäre, dem Phänomen Töne, Klänge, Geräusche nachspürend.

Martina Holbein