Schwarzwälder Bote / Montag, 25.02.2002

Sechs Pianisten fabelhaft virtuos und spielfreudig

Balinger Klavierfestival am Freitag mit fulminantem Eröffnungskonzert / Kieckbuschs Blaumond gespielt



Ein effektvolles Ereignis war das Klavierkonzert am Freitagabend im Großen Saal der Balinger Stadthalle. Vier Klaviere und um sie herum gruppiert die Zuschauerplätze - ohne Kartenzwang im Übrigen - bildeten den Rahmen für eine außergewöhnliche Konzertveranstaltung.

Balingen. Vier Flügel (zweimal Schimmel, einmal Steinway, einmal Ibach), sechs Pianisten und ein begeistertes Publikum in der arenaartig bestuhlten Stadthalle: damit begann das erste Balinger Klavierfestival. Und es wird wohl nicht das einzige bleiben. Professor Tomislav Baynov, selber ein Erzmusikant, hatte ein erstklassiges Pianisten-Gespann mitgebracht: Zuzana Suchanová, Heinrich Beise, Swetlana Möck, Luigi Caselli und Luisa Fanti Zurkówskaja.
In immer wieder neuen Kombinationen spielten sie Originalkompositionen und Transkriptionen: fabelhaft synchron, virtuos und spielfreudig, aber auch kammermusikalisch subtil, wie sich gleich beim ersten Stück zeigte, der Nachtmusik für vier Klaviere von Uli Johannes Kieckbusch. Und es war mehr als eine Geste, dass dieses Festival mit einem Werk des in Balingen lebenden Komponisten und Pianisten begann.
Kieckbusch ist ein Grenzgänger: zwischen Neuer Musik und Jazz, zwischen Notiertem und Improvisiertem, zwischen tönender und bildender Kunst. Aber er ist keiner der modischen Crossover-Profiteure. Er hat sich große Eigenständigkeit bewahrt und die kindliche Fähigkeit, staunen und Impulsen nachgeben zu können - immer aber im Rahmen eines klaren Konzepts und soliden kompositorischen Handwerks.
Über 40 Minuten spannt sich sein "Blaumond", beginnt im "Neumond" zögerlich mit einer einfachen Tonfolge, verdichtet sich in Klang und Linienführung bis zum Höhepunkt "Vollmond", wird spiegelbildlich wieder zurückgeführt in den "Neumond" - und könnte von Neuem beginnen. Wenn man sich auf diese Musik wirklich einlässt - ihre Scheu vor auftrumpfenden Oberflächenreizen, ihr Zen-inspiriertes Hörbarmachen der Stille - dann wird man mit einem überwältigenden Reichtum an Klangfarben und -bezügen belohnt.
Wie konsequent Kieckbusch seine Mittel auswählt und einsetzt und damit bestimmte Klangräume erschließt, erhellte der Vergleich mit Baynovs "Meditation 1" für drei Klaviere, Gongs und Tamtam. Auch Baynov legt eine bestimmte Tonfolge zugrunde, aber die rauschenden Kaskaden und Akkordballungen seines Stücks wirken eher koloristisch-illustrativ.
Überzeugender war sein "Metrorhythmia 1" - man möchte hinzufügen: "oder die Kunst, sechs Hände auf einer Klaviatur nicht zu verknoten". Optimal gelöst hat dieses Problem einst der Bach-Enkel Wilhelm Friedrich Ernst mit seinem "Dreyblatt": Da hat der Pianist inmitten zweier Damen zu spielen und muss sie zärtlich umfassen, damit er seinen Part in Diskant und Bass bewältigt!
Mack Wilbergs Carmen-Fantasie (zwei Klaviere zu acht Händen) war das erste Stück, das nicht nur die Klaviere, sondern auch den Beifall so richtig aufrauschen ließ. Kein Wunder: Es blieb rhythmisch zwar im Rahmen, war aber harmonisch pikant gewürzt und mit glitzernden Skalen effektvoll herausgeputzt. Keine artfremden Zutaten gab es bei einer mitreißenden Darstellung des "Feuertanzes" aus Manuel de Fallas "El amor brujo" und auch mit Gershwins "Rhapsody in Blue" demonstrierte Baynov, wie gut und abwechslungsreich sich so ein Stück auf vier Klavieren spreizen lässt, ohne den Satz mit unnötigem Füllmaterial zu überladen.
Das Show-Element kam natürlich auch nicht zu kurz: In der Schlussphase der "Rhapsody" durften mal der eine, mal der andere auf das Becken einschlagen und in der "Champagne Toccata" von William Gillock (zwei Klaviere zu acht Händen) schließlich scharwenzelten die beiden unbeschäftigten Herren mit Champagner-Kelchen um die Flügel herum und stießen hörbar an - natürlich im Takt. Riesenbeifall, Jubel und zwei zündende Zugaben: "Hora Staccato" und der Rakoczy-Marsch.

Friedrich Dold