Schwarzwälder Bote / Mittwoch, 26.03.2008

Alte Mauern lauschen der Melancholie

Christine Paté und Uli Kieckbusch laden französische Lebensart zum Hauskonzert unter dem grünen Dach ein



Eine außergewöhnliche Kombination: Christine Paté mit ihrem Akkordeon und Uli Kieckbusch mit der Marimbula erzeugten im Haus von Friedrich Rau und Gabriele Knupe "Neue Tone unter alten Balken".
Fotos: Eyrich/Seeger; Montage: Kaminsky


Albstadt-Ebingen. "Ein großartiger Raum für ein Hauskonzert", hatte Uli Kieckbusch beim Anblick des Hauses von Architekt Friedrich Rau und seiner Frau Gabriele Knupe ausgerufen. Aus der Idee wurde Realität — und ein einmaliges Ereignis.

Von außen sieht es aus, wie das Haus eines Architekten mit einem Hang zum Ökologischen, von innen noch teilweise wie das, was es mal war: ein Wirtschaftsgebäude zu Urgroßvaters Zeiten. Zwischen Fachwerkwänden und knarrenden Balken, zwischen Möbeln mit Geschichte und vielen Gästen mit Sinn für ausgefallenes haben Friedrich Rau und Gabriele Knupe ein Bühne aufgebaut für Christine Paté und Uli Kieckbusch. Die Wahl-Berlinerin aus Lyon und der Balinger Komponist und Pianist haben Musik mitgebracht, wie sie niemals aus dem Radio dudelt. "Neue Klänge unter alten Balken" lautet das Motto. Toshio Hosokawa steht als Erster auf dem Programm.

Gespannte Stille. Zögerlich entschlüpft dem 14 Kilogramm schweren Akkordeon auf Christine Patés Schoß ein leises Brummen. Nach kurzer Zeit mischen sich Töne dazwischen — zuerst kaum vernehmbar, zuweilen schräg. "Sen 5" sei die Verbindung zwischen dem Akkordeon und Hosokawas Höreindruck von Gesängen des tibetischen Buddhismus, ein "Stöhnen der Erde", so Kieckbusch. Ein Lied wie Meditation.

Die Französin beherrscht das Instrument in all seinen Facetten. Ob sie J. P. Remeaus Werke melancholisch anstimmt oder lebenslustig ihre schlanken Finger über die unzähligen Tasten tanzen lässt, ob sie aus dem Akkordeon ein Schnaufen presst "auf der Suche nach dem verlorenen Lied" wie in G. Katzers Werk, oder ihm klerikal anmutende Melodien entlockt — die Musikpädagogin spielt, als sei es das Leichteste auf der Welt.

Nicht leicht gefallen sein muss es Kieckbusch, sein "Intermezzo 7" zur Erinnerung an einen verstorbenen Freund zu schreiben, bei dem er Christine Paté virtuos auf dem Gong begleitet. Auch seine Komposition "Goetz" ist dem Freund gewidmet, und lässt ein weiteres Instrument in Erscheinung treten: Was bisher auf der Bühne herumstand wie ein Zierkasten ist ein Musizierkasten — eine Marimbula, aus der Kieckbusch fantastische Klänge hervorzaubert. Diese greifen Raum in den alten Mauern, und die faszinierten Zuhörer lauschen andächtig, sind mucksmäuschenstill, wagen kaum, am Rotwein zu nippen, und genießen: außergewöhnliche Atmosphäre, einen außergewöhnlichen Abend und außergewöhliche Musik — französische Lebensart mitten im Albstädter Winter.

Karina Eyrich