Schwarzwälder Bote / Dienstag, 27.09.2011

Der Schatten der RAF ist noch da


Uli Kieckbusch krönt Lesung von Corinna Ponto und Julia Albrecht mit eigens komponiertem Werk

Von Karina Eyrich


Uli Johannes Kieckbusch begeisterte ein großes Publikum mit seiner Komposition zum Werk "Patentöchter" im Ausstellungsraum von Automobile Zollernalb. (Foto: Eyrich)

Albstadt-Ebingen. Die "bleierne Zeit" des RAF-Terrors bewegt die Menschen. Das hat der Abend mit dem Musiker Uli Johannes Kieckbusch, mit den Autorinnen Corinna Ponto und Julia Albrecht gezeigt - er war einer der Höhepunkte der Literaturwoche.

Zeugen einer Weltpremiere sind gut 200 Zuhörer am Sonntag Abend der Automobile Zollernalb geworden: Den Balinger Komponisten Uli Kieckbusch hat das Buch "Patentöchter" so gefesselt, dass er Julia Albrecht und Corinna Ponto eine Komposition gewidmet hat.

Corinna Ponto ist die Patentocher von Hans-Christian Albrecht, dessen Tochter Julia die von Jürgen Ponto, an dessen Entführung Julias Schwester Susanne am 30. Juli 1977 beteiligt sein sollte. Doch dazu kam es nicht: Jürgen Ponto wurde von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschossen - wie Susanne Albrecht gehörten sie zum inneren Zirkel der RAF.

"Wie eine Stimme aus einer anderen Welt" habe sich Corinna Ponto angehört, als sie 30 Jahre nach der Tat bei Julia Albrecht anrief, erzählt die Journalistin, die damals an einem Film über die Folgen der Tat arbeitete. Aus dem Anruf entwickelte sich ein Briefwechsel, aus dem die Frauen ein besonderes Buch gemacht haben: eine "Dokumentation über eine vorsichtige Wiederannäherung der beiden Familien", wie Friedrich Rau es formuliert - mit seiner Frau Gabriele Knupe war er Gastgeber des Abends.

Dann lesen die Frauen und es ist mucksmäuschenstill. Corinna Ponto erzählt von diesem "spalttiefen Riss in der Familiengeschichte", vom "verschlossenen Raum der Vergangenheit", von ihrem lebenslustigen Vater, der nun für immer das Imago des Getroffenen habe, von ihrer Sorge um falsche Bilder jener Zeit, die sie noch lange nicht aufgearbeitet sieht. Noch immer sitze ihr der Hohn der RAF-Mitglieder, auf die sie im Gerichtssaal getroffen war, "auf meinen Schultern".

Julia Albrecht hat die andere Perspektive: "Susanne war überall schon vor mir da", beschreibt sie die Zeit, da sie zur Schule ging und die 13 Jahre ältere Schwester auf all den Fahndungsplakaten sehen musste. "Ich hasste diese Litfaßsäule, wollte sie in die Luft sprengen." Dabei habe sie sich der Schwester doch nähern, ihr das Haar streicheln, ihr Mut zuflüstern wollen.

Einfühlsam, meist in Moll mit einigen hellen Tönen - sie hören sich an wie ein stilles Weinen des Herzens - hat Uli Kieckbusch umgesetzt, was in Julia Albrecht und Corinna Ponto bis heute vorgeht. Unendlich traurig ist seine Komposition und doch durchzogen von kurzen, rhythmischen, hoffnungsvollen, Mut machenden Momenten.

All das - die Frauen lesen mehr als eine Stunde und beschäftigen sich auch mit der Aufarbeitung der "bleiernen Zeit" - muss sich erst einmal setzen. Dazu stehen die Besucher auf und erfrischen sich am Buffet, ehe sie Fragen stellen dürfen. Und erfahren: Ja, das Schreiben des Buches hat die Brücke über den Abgrund gebaut. "Wie Versöhnung geht, haben Sie uns gezeigt in einer Zeit, in der die Welt in Aufruhr ist" sagt Friedrich Rau am Ende. "Sie haben unsere Herzen berührt."