Südkurier / Mittwoch, 14.03.2001

Musikalische Gradwanderung

Uli Johannes Kieckbusch fand nur mäßiges Interesse im Gewölbekeller


Mit dem Programm "Grenzgänge zwischen Jazz und Neuer Musik" ließen sich leider nur wenige Donaueschinger in den Gewölbekeller der Jugendmusikschule locken. Unverständlich, wenn man bedenkt, dass schließlich Tag für Tag in dem Gebäude Musikinteressierte aus und ein gehen. Und hier hätten sie eine hochinteressante, inspirierende und vielseitige Lehrstunde über die Möglichkeiten des Klavierspielens erleben können. Glück für die Anwesenden, dass Uli Johannes Kieckbusch sein extra für Donaueschingen zusammen gestelltes Soloprogramm nicht wegen mangelndem Publikumsinteresse abkürzte.

Blitz-Eroberung

Schon mit seiner ersten Improvisation hatte der Pianist die Herzen der Zuhörer erobert. Er zeigte, wie man die Klänge des Flügels auf eindrucksvolle Weise verändern kann: mit einer weichen Malerrolle wurden die Saiten gedämpft, gestoppt und dadurch die Töne abgeschnitten. Das ergab durchbrochene Melodiefetzen von starkem Reiz. Dann rollte Kieckbusch getrocknete Zitronen über die Saiten, immer mehr und mehr, und erreichte zirpende Helligkeit, während die tiefe Tastatur durch auf den Saiten liegende Xylophonstäbe und Cymbeln effektvoll verstärkt wurden.

Publikumsfreundlich

Sehr publikumsfreundlich war, dass man all diese Aktionen im aufgestellten, spiegelblanken Flügeldeckel deutlich verfolgen konnte. Zwischen seinen Kompositionen, die jeweils improvisierend erweitert wurden, erzählte der Künstler einiges zu den Stücken. Er verriet auch, wie er auf das Improvisieren gekommen war: während des Studiums wohnte er in einem Haus, wo in allen Räumen geübt wurde. Er selbst übte natürlich auch, aber zu allem fielen ihm Veränderungen ein, die er in die klassischen Stücke dann auch einflocht. Das demonstrierte er herrlich an einer Invention von J. S. Bach, zu der er ein passendes Präludium komponiert hatte.

Blitze zucken

Es würde zu weit führen, auf alle Kompositionen des Pianisten einzugehen, die er am Freitag Abend in Donaueschingen zu Gehör brachte. Seine Werke haben viel Eigencharakter, man kann sich gut hineinhören und bisweilen erkennt man Zitate, kleine Bruchteile aus vertrauten Klassikern, aus Jazz und Popmusik. Man kann Uli Kieckbusch nur bewundern für seinen Mut, auf der Tastatur das auszuleben, was sich mancher vielleicht erträumt. Da wird wahrer Donner entfesselt, es zucken Blitze, bis an die Grenzen eines Orkans scheint die Musik zu stoßen - dann wieder erklingt eine unglaubliche Helle und Zartheit unter den Händen des Pianisten.

Bildhafte Musik

Bildhaft ist seine Musik, experimentell und originell. Er durchmisst Weiten und Fernen und kehrt doch wieder in die Anfänge zurück. "Alter Mann, eine Treppe herabsteigend" konnte gut nachempfunden werden, "New shoes from the market" entrückte in sanfte Filmkulissen voller Romantik. Bei dem Stück "Schwarze Terzen für Peter Weißhaar" konnte man Trauer und Schwärze geradezu erleben. Das pianistische Können Uli Kieckbuschs, seine ideenreichen Assoziationen und seine persönlichen Kommentare zur eigenen Musik machten den Soloabend zum lohnenden Ausflug zwischen Jazz, Neuer Musik und Experiment. Zu bedauern sind die, die das versäumt haben.

Gerda Neunhoeffer