Schwäbisches Tagblatt / Montag, 27.03.2006

Beflügelte Mondnacht

Eine "Blaumond"-Nachtmusik im C. Bechstein Centrum


TÜBINGEN (ach). Was schert es den bestirnten Nachthimmel, dass hinter ihm komplexe Planetengesetze stehen, dass seine Sterne auf symmetrisch wohlgeordneten Bahnen kreisen, wenn er im Auge des Betrachters einfach nur schön ist? Dasselbe ließe sich von "Blaumond" (2000/2002) sagen, einer "Nachtmusik für vier Klaviere" des Balinger Komponisten Uli Johannes Kieckbusch.

Dass hinter den berückenden Klängen Regeln stehen, dass etwa Dynamik und Geschwindigkeit von "Neumond" zu "Vollmond" zu- und dann spiegelsymmetrisch ("im Krebs", wie der barocke Fugenschreiber sagen würde) wieder abnehmen, spricht für das solide Handwerk des 1954 geborenen Komponisten. Noch mehr zeichnet ihn aber ein Wunder aus, das zeitgenössischer Musik eher selten gelingt: Der Hörer erlebt - bei aller formalen Strenge und Komplexität (zur Koordination war Dietrich Schöller-Manno als Dirigent notwendig) - improvisatorisch fluktuierende, fantastisch berauschende Klangwelten.

Bester Beweis: Bei der Aufführung am Samstag waren unter den 30 Zuhörern im Bechstein Centrum auch einige Kinder. Selten waren junge und jüngste Zuhörer im Konzert - zudem bei einem 50-minütigen Einzelwerk und reiner Klaviermusik - so aufmerksam und begeistert mit dabei: Da verhallten Silbertöne auf endlosen Pedalen, ausfigurierte Cluster schwirrten durcheinander wie die Rufe großer Vogelschwärme, Töne tropften reihum in die vier Flügel wie Regen auf Metalltische.

Dann wieder trommelten die Pianisten Angela Seiwerth, Maria Pasini, Goetz Mursch und Uli Johannes Kieckbusch minutenlang versetzt auf den beiden höchsten Tasten, dass es wie Hagelkörner klang, die an Scheiben prasseln. Vermutlich macht gerade diese Bildhaftigkeit die enorme Beliebtheit von Kieckbuschs Kompositionen beim Publikum aus: Dass diese virtuose und avancierte Musik zugleich die Fantasie ihrer Hörer ganz unmittelbar anspricht.

Bei seinem Klavierstudium in Trossingen hat sich Kieckbusch mit John Cage und Morton Feldman beschäftigt, mit Jazzpianisten wie Cecil Taylor oder Ned Rothenberg musiziert. Anklänge an die Klavier-Avantgardisten Cowell und Nancarrow finden sich ebenso wie die minimalistische Klangsinnlichkeit eines John Adams.

Optimale Voraussetzungen hatte Kieckbusch im Bechstein Centrum, wo "Blaumond" 2003 auf CD eingespielt wurde: Vier exquisite Flügel mit identischem Spektrum, exakt auf dieselbe Tonhöhe gestimmt, teils sogar mit abgeschraubtem Deckel, um eine ideale Balance zu schaffen.

Kieckbusch bedankte sich mit einer humorvollen, erst vor wenigen Tagen komponierten Hommage an den Spiritus Rector: Als "Huldigung an das Fabrikat Bechstein" spielten vier Pianisten (dazu: Noriko Wakabayashi) über alle Oktaven verstreut die Tonfolge "b-e-c-h", während Kieckbusch die zweite Wortsilbe mit rasselnden Carrara-Steinen intonierte.

(Achim Stricker)