Schwäbische Zeitung / Dienstag, 11.07.1995

Uli Kieckbusch, Klavier, und Luc Houtcamp, Saxophon, in der Edition Ritzi - Die hohe Kunst der Jazz-Improvisation

"Unerhörte Klänge" - wer sich ergibt, der kann völlig neue Welten entdecken


Die Kunst der Improvisation: Der Saxophonist Luc Houtcamp und der Pianist Uli Kieckbusch begeisterten bei ihrem Konzert in der Trossinger Edition Ritzi.

Trossingen - Die schwarze Fregatte hat ihr Segel gesetzt. Zehn knochentrockne Kiwis lauern auf der Brüstung. Aus dem Maschinenraum dröhnt es grollend heraus. An Deck schwingt ein goldener Elefantenrüssel dem seine Antwort entgegen. Tropfen ziehen auf ihm ihre glänzende Bahn, erreichen das untere Knie und stürzen, um auf dem Schuh zu zerplatzen. Wer sich gefragt hat, warum der rechte Schuh des Saxophonisten dunkler ist als der linke, bekommt die Antwort vorgespielt. Das Kondenswasser schwenkt beim "Rechtsträger" nach rechts aus.
"Komm, komm, komm", lockt es aus dem Maschinenraum, plötzlich gleißende Blitze wie Sonnenlicht. "Geh weg, geh weg, geh weg!" slappt der goldene Elefantenrüssel dagegen, der seinerseits vermuten läßt, daß er zuvor Charly Parkers "Salt Peanuts" gefuttert hat. Und dann hält er Selbstgespräche, kümmert sich nicht mehr um das schwarze Loch neben sich, singt sich eins, so vor sich hin, in zweistimmiger Melancholie. Wie kann er das, der eine Rüssel?
Da war'n es nur noch acht. Unversehens sind zwei der knochentrocknen Kiwis in den Bauch der Fregatte gesprungen. Die ist längst auf dem Weg, zu einer Art Walfisch zu werden. Ihr Dompteur wirft der Bestie so einiges in den Rachen, dann greift er dem Tier unerschrocken ins Maul - und es beginnt zu miauen. Das läßt den Elefantenrüssel unbeeindruckt, das kann er auch, und in trauter Harmonie, als ob nie etwas anderes gewesen wäre, gerät das Konzert zu einem süßen Stellsdichein.
Uli Kieckbuschs musikalischer Weg sieht heute in der Rückbetrachtung zielstrebig und konsequent aus. Immer wieder Konzerte, unermüdlich, Kontakte zu unzähligen anderen Künstlern, sein Haus ist zu einer Begegnungsstätte all jener geworden, die sich der Improvisation schwerpunktmäßig der jazzigen Art, widmen. Sein Spiel ist zur hohen Kunst geworden. Das ist virtuose Technik und Bewußtsein einer eindeutig definierten stilistischen Ästhetik. Hohe Kunst, hohes Können.
Wenn Uli Kieckbusch und Luc Houtcamp auftreten, breitet sich ein weites Meer gemeinsamer musikalischer Sprache aus. Der niederländische Saxophonist, weltweit renommiert, läßt nie den Eindruck aufkommen, er spule irgendeine Matrix oder deren Variationen ab. Bei aller Erfahrung des Zusammenspiels - auch mit Kieckbusch, den er seit Jahren kennt - und damit bei aller Routine ist es der Augenblick, der zählt, der entscheidet, der jede Performance neu und reich macht.
Mag nicht jedermanns Sache sein, sich für dieses spezielle Gebiet innerhalb des Jazz-was-immer-Bereiches zu interessieren: Wer sich ergibt, davontragen läßt, der kann neue Welten entdecken. Er muß sich allerdings zunächst auf hohe See begeben. Alle knochentrocknen Kiwis sind im Walfischmaul verschwunden, Kieckbusch hat einen ganzen Cocktail aus Holz- und Plastikteilen sowie jede Menge Radiergummis hinterhergeschmissen. Während Houtcamp die Seemöwen schreien läßt, legt sich Kieckbusch in die Kurve, fängt sich auf dem Drehhocker aber gerade noch rechtzeitig und sprudelt dunkle Kaskaden herunter, daß die Tischtennisbälle nur so springen. Was sind das für Töne in diesem alten Blüthner, was für Töne in diesem goldenen Saxophon? Durch die Nebelfetzen gleiten wir zu neuen Ufern, ein letzter Ruf des Elefantenrüssels, ein "slap, slap", ein letztes Grollen aus dem Bauch der Walfisch-Fregatte. Stille. Das Neuland ist erreicht.

Frank Golischewski