Schwäbische Zeitung / Dienstag, 08.07.1997

Bilder, Collagen, phantastische Piano-Klänge


Das Alte Kesselhaus wird langsam zum kulturellen Mittelpunkt: Am Sonntag konzertierte der Pianist Uli Johannes Kieckbusch.

Trossingen - Das war denn doch eine große Überraschung: vor dem letzten Stück richtete Uli Joh. Kieckbusch Abschiedworte an das Publikum: Nach 20 Jahren, werde er nun bald Trossingen verlassen um nach Balingen zu ziehen. 20 Jahre, in denen Uli Joh. Kieckbusch wie nur wenige andere in der Musikstadt eine ganz besondere Art der Kultur gepflegt hat und sich unermüdlich immer wieder für die Avantgarde stark gemacht hat, als Komponist, als Organisator von Konzerten mit meist hochkarätigen Gästen, als Pianist, der sich vor allem auch der hohen Kunst der freien Improvisation verpflichtet hat.
Schöner und inhaltlich runder hätte diese oft nach Synergien Ausschau haltende Arbeiten des Musikers kaum eine andere Veranstaltung zusammenfassen können, als dies am Sonntag Abend im Kesselhaus der Fall war. Das Konzert war gleichzeitig die Eröffnung einer Ausstellung mit Werken der Künstlerin Eva Dahmen aus Darmstadt, Petra Koesters aus Villingen, Gabriele Straub aus Reutlingen und Bettina Biller-Weber aus Zürich, allesamt mittlerweile mit Kieckbusch befreundetet. So nahmen auch seine Kompositionen des Abends Bezug auf die ausgestellten Bilder: etwa "Mars" von Bettiina Biller-Weber, wobei sie das Bild nach der Komposition malte, die sie von Kieckbusch im Radio gehört hatte. Da läßt sich nun nicht jeder Pinselstrich auch in der Musik wiederfinden oder umgekehrt. Da geht es eher um Stimmungen, die das mit langgezogenen, schmalen Strichen und Punkten arbeitende Bild in der Musik findet. Die Komposition wiederum ist dem Pianisten Cecil Tailor gewidmet; enthält ungeheuer rhythmische Elemente, dabei auch pianistischen Sequenzen fast klassischen Zuschnitts.
Begonnen hatte das Konzert mit dem Stück "Antrum", zu Deutsch "Höhle", eine Assoziation an das Höhlig-Hallige des Kesselhauses. Im Verlauf des Konzerts ließ Uli Kieckbusch seine kompositorischen und pianistischen Möglichkeiten einmal mehr facettenreich aufscheinen: vom impressionistischen Glitzerwerk wie etwa in "Soprano" bis zu dunkel-bedrohlich, ungewöhnlich massiven Klängen, die sich in der Akustik des hohen Raumes fabelhaft ausbreiten konnten. Überhaupt scheint das Kesselhaus für dergleichen wie geschaffen: Klang kann sich entfalten, verändert sich, entwickelt sich in dem über dreisekündigen Nachhall. Eine Entdeckung, wenn auch als Werk etwas lang: die Komposition für Klarinette und Akkordeon, gespielt von Marion Potyka und Willi Sauter. In minimalistischer Wiese werden hier Intervalle wiederholt, leicht verändert, vom einen ins andere Instrument übergeben. Gerade dieses Stück fand hier auch einen idealen Klang-Raum. Zugleich ließen sich die Bilder betrachten: Collagen von Gabriele Straub, Musikbilder mit graphisch klargeschichteten Abschnitten von Eva Dahmen, die ihre Werke etwa "Farbgedanken" oder "Musikgraphik" nennt, vollkommen anders dann wieder Bettina Biller-Webers Bilder, allesamt sehr ausdrucksstark, daneben als schärfster Kontrast Installationen, Arbeiten mit großen Metall-Flächen und Lithographien, Leuchtstoffröhren und Schriften auf Stahl von Petra Koesters.
Als Abschied schließlich Kieckbuschs "Les Adieux": Trossingen, ich muß Dich lassen, in dem das Gitarren-Ensemble Los Golfos, die schon zu Beginn den Betrachter musikalisch begleitet hatten, sowie Marion Potyka und Willi Sauter im Raum verteilt mitspielten - ein überaus eindrucksvolles Stück. Uli Joh. Kieckbuschs Dankesworte an Wegbegleiter der letzten zwanzig Jahre, Förderer und Freunde enthielten aber auch Enttäuschung darüber, daß in diesen vielen Jahren von öffentlicher Seite für Künstler wie ihn und andere kaum Verständnis und Unterstützung vorhanden gewesen seien und er hoffe, daß sich auch die Stadt ihrer Künstler einmal bewußt werde: denen, die weiterhin kreativ seien, wünsche er darin mehr Erfolg und Durchhaltevermögen.