Trossinger Zeitung / Donnerstag, 10.08.1995

Der Trossinger Pianist und Musikpädagoge stellte jetzt seine neueste CD vor

Uli Johannes Kieckbusch - sein Spiel ist zur hohen Kunst geworden


Trossingen - Als Uli Johannes Kieckbusch 1980 auf einer jener legendären AstA-Feten an der Trossinger Musikhochschule von einer junger Kommilitonen - im Kreis um den frisch gewählten, noch im hellblau-ausgeleierten Woll-Pulli auftretenden Rektor - bei seinem Improvisierspiel unterbrochen wurde, machte er seinem Ärger und seiner Enttäuschung in einer bemerkenswerten kleinen Rede über Toleranz und mangelnde Geduld Luft. Unwahrscheinlich, daß sich noch jemand erinnert.
Heute, nach 15 Jahren, sieht Uli Kieckbuschs Weg in der Rückbetrachtung zielstrebig und konsequent aus. Immer wieder Konzerte, unermüdlich, Kontakte zu unzähligen anderen Künstlern, sein Haus ist zu einer Begegnungsstätte jener geworden, die sich der Improvisation, schwerpunktmäßig der jazzigen Art, widmen. Sein Spiel ist zur hohen Kunst geworden. Das ist virtuose Technik und Bewußtsein einer eindeutig definierten stilistischen Ästhetik. Hohe Kunst und hohes Können. Dies nun auch zu hören auf einer neuen CD. Uli Johannes Kieckbusch: "Dark Clouds", heißt sie, erschienen bei "hybrid" music productions in Giessen. Music for Solo Piano: Vier Stücke mit den Titeln "Mars", "Soprano", "Winter has come" und, dem CD-Titel, "Dark clouds". Aufgenommen bereits im Juni 1991 in der Galerie Vayhinger in Radolfzell, jetzt erst gepreßt.
"Wenn Uli Kieckbusch mit Luc Houtkamp auftritt, breitet sich eine unendliche Spielwiese gemeinsamer musikalischer Sprache aus", heißt es in der jüngsten Trossinger Kritik über ein Konzert in der Firma Ritzi. Mit seinen zahlreichen musikalischen Partnerinnen ist so ein Unternehmen einfacher, für den Zuhörer eingängiger: da sind zumindest mal zwei verschiedene Grundfarben, die sich abwechseln oder ergänzen. Piano solo ist schwieriger. In seinem jüngsten Konzert hatte Kieckbusch da einen ganzen Cocktail aus Holz- und Plastikteilen so wie jede Menge Radiergummis - "wir reiben uns für Sie auf!", stand darauf - in den Schlund des Flügels geschmissen. Er verfremdet, wenn die Farben des Instruments auf der konventionellen Schiene erschöpft sind.
Auf der CD "Dark clouds" ist das nur in gleichnamigem Titel der Fall, der letzten der Aufnahmen, die mit der Widmung "dedicated to K." versehen ist - wie übrigens alle Titel eine Widmung tragen - und die improvisierende Variationen über ein altes Abschiedslied aus dem Dreißigjährigen Krieg zum Thema hat: "Es geht eine dunkle Wolk herein, es soll und muß geschieden sein". Über diese Melodie aus dem frühen 17. Jahrhundert entwickelt Uli Kieckbusch drei beziehungsweise vier musikalische Teile, der vierte ist als "Epilogue" überschrieben. Wie sich hier alte Wurzeln und neuzeitliche Jazz- und Improvisations-Stilistik mit dem Blues mischen ist höchst bemerkenswert.
Doch zurück zum Anfang: Mit "Mars" beginnt die Scheibe, gewidmet dem Pianisten und ebenfalls Improvisatoren Cecil Taylor, dem Uli Kieckbusch damit seine Referenz erweist. Kraftvoll beherrschen Bartók- und Strawinsky-gleiche Klänge den Raum, behaupten sich zu Beginn und am Ende, einen lyrischeren Zwischenteil umrahmend, bringt Mars die Energie am Schluß wieder zurück. Gefolgt von dem quirligen "Soprano", des dem Saxophonisten Evan Parker gewidmet ist und von grellen Klangfarben geprägt vorbeisprudelt.
"Winter has come" gibt sich mit impressionistischen Klangwelten, meditativ, zart, schillernd. Zugeeignet Ilse Braun, Uli Kieckbuschs Yogalehrerin.
Eine CD, die gleichermaßen Persönliches preisgibt wie sie fasziniert und einen musikalischen Anspruch setzt, der hier, in dieser Landschaft, auch der musikalischen, sonst in diesem Metier weitgehend unerfüllt bleibt. Musiker, Pianisten wie Uli Kieckbusch wohnen in der Regel in Frankfurt oder Berlin oder Hamburg, wo sich das Umfeld für ihr Schaffen ergibt. Aber seine Musik klänge sicherlich auch anders, wäre sie nicht hier, gerade in diesem Umfeld, entstanden. Uli Kieckbusch ist hier, wie der Berner Jürg Solothurnmann im Booklet zur CD schreibt, "zu einem Schrittmacher geworden mit eigenen und fremden Stücken, Seminaren und Workshops."

Frank Golischewski