Trossinger Zeitung / Donnerstag, 16.07.1998

Das Wühlen in den tiefsten Tiefen und die Eroberung neuer Klangregionen


TROSSINGEN - Das Kesselhaustreiben stand am Dienstag abend ganz im Zeichen des Trossinger Komponisten Uli Johannes Kieckbusch. Die Zuhörer konnten dabei in neue Klangregionen vorstoßen.

Für Maler gibt es landauf, landab Möglichkeiten für Einzelausstellungen. Doch wo gibt es so etwas für Komponisten? Beim Kesselhaustreiben wurde dies eingeplant. Der Glückliche war Uli Johannes Kieckbusch, oder vielmehr die Hörer waren es, die einen Ausschnitt aus seinem Lebenswerk hören durften. Raffiniert Beiläufiges hingeschmissen, erzeugte quirliges Leben. Wassergeplätscher mit Vogelgezwitscher, trippelndes Fließen der Zeit. Überhaupt ist die Auseinandersetzung mit der Zeit ein Anliegen Kieckbuschs, das Metrische wie das Unmetrische, das geordnete Denken wie spontane Ungeordnetheit, das Loslassen der anerzogenen Ordnung, das Sich-Hineinwerfen in die Natur, die sowohl Fels, wie auch Wind und ziehende Wolken kennt.
Doch halt, gleich zu Anfang war doch noch mathematisches, "Dreizuvier" aus dem Jahre 1982. Klavier und Kontrabaß musizierten im Dreiertakt, Flöte, Klarinette und Violine dagegen im Vierertakt und dies ergab eine sehr reizvolle Musik.
Kieckbuschs Welt ist eigentlich die lichte. Oben im Diskant des Klaviers kann er sich nicht genug tun mit Klingeln und Flattern. Doch da war auch ein Stück, das neueste dazu, "Pituanoba" (1998) für Tuba mit Jeffrey Funderburg und Kieckbusch am Klavier. War das ein Wühlen in tiefsten Tiefen. Harte, toccatenhafte Rhythmen im Klavier und tiefste orgelnde Töne in der Tuba. Noch kaum gehörte Klangregionen gab's hier zu erleben.
Die eindrucksvollste Kompoostionen war "Musik for Sinead O'Connor" (1994). Goetz Mursch spielte minuziös den Klavierpart. Dorothea Mertens, Sopran, verlängerte die Melodietöne des Klaviers. Die günstige Raumakustik verschmolz diese Ziehtöne und man meinte, diese vibratolosen Töne, wie Naturlaute klingend, kämen aus dem Klavier, wo doch die Sängerin weit entfernt vom Klavier stand.
Dann "Heidelberg" (1996). Wieso gerade Heidelberg? Nun, diese Stadt hatte einen Kompositionswettbewerb ausgeschrieben und der ideenreiche Kieckbusch nahm das Gedicht "Heidelberg" von Hölderlin und die Tonbuchstaben aus dem Wort Heidelberg, formte daraus musikalische Motive und Gesten daraus und ließ sie von Susanne Kieckbusch, Flöte, Marion Patyka, Klarinette, Petra Wolf, Violine, und Goetz Mursch, Klavier spielen. Der Schauspieler Altfried Weber rezitierte das Gedicht.
Ähnlich was es mit dem Stück "Erich Hauser" (1995). Auch hier entnahm er dem Namen die Tonbuchstaben und formte daraus eine wundersame Musik für sechs Posaunen.
Prof. Abbie Conant mit ihrem Blech Forest Trombone Ensemble musizierte diese Komposition, in der fünf Posaunisten auf der Empore verteilt waren und einen Raumklang erzeugten, während die Conant auf der Bühne solistisch spielte. Es war ein herrliches Klangerlebnis.

Siegfried Burger