Zollernalbkurier / Mittwoch, 31.07.2013

Uli Kieckbuschs Sehnsucht


Ein heißer Abend in der Balinger Bahnhofshalle


Der "TanGoHarMoniKa-Express" machte Halt im Balinger Bahnhof. Fahrkarten mussten nicht gelöst werden. Die Bahnhofshalle war zum Bersten voll.



Blues, Fado und Tango - in eigenwilliger Form.


Balingen. Jetzt wirkt sie viel größer mit Tischen und Bänken und einer mobilen Bühne. Das Publikum muss teilweise draußen stehend dem musikalischen Geschehen lauschen. Aber was geschieht hier? Tango aber nicht argentinisch. Blues nicht nur auf Englisch gesungen. Fado aber nicht auf Portugiesisch. An diesem Abend ist alles sehr "rhythm and bluesig". Peter Antony am E-Piano hat einen sonoren Sub-Woofer mitgebracht und jeder Basslauf der linken Hand klingt nach einem Turbo-Bösendorfer. Da sich die zahlreichen Gäste an diesem Abend während des Konzertes sehr viel zu sagen haben kommt es sehr gut rüber, dass "TanGoHarMoniKa" einen Touch Rhythm and Blues entwickelt, der dank Peters viriler Spieltechnik sehr funky ins Ohr geht und dem Lautstärkepegel im Publikum problemlos musikalisch Paroli bietet.

So wirkt das Mundharmonikaspiel von Uli Kieckbusch zeitweise wie ein Alibi für große Klaviersoli. Nur bei "Little Lady" finden sich viele suchende Augen für die kaum sichtbare Harmonika in Kieckbuschs Mund. In dem insgesamt großen orchestralen Sound dieses Abends war dies ein kleine Perle der akrobatischen Harmonika-Musik.

Uli Kieckbusch, der Komponist aller Stücke dieses Abends, der Harmonika-Virtuose und der hemmungslose Sänger, der sogar Udo Lindenberg und Tom Waits in den Schatten stellt, war trotzdem das Highlight dieses Abends. Vom tiefen Bass bis in die höchsten Falsettregister: das hohe (Opern-)C erscheint geradezu lächerlich angesichts Kieckbuschs Gesangsvermögen. Der Mut zum hässlichen Gesang entwickelt allein dadurch schon eine traumwandlerische Schönheit eines sehr expressiven und lustvollen Gesanges. Jeder im Publikum spürt, dass hier nicht hässlich gesungen wird, um genau dies zu tun, sondern um überhöht genau das Gegenteil zu erreichen.

Uli Kieckbusch hat noch eine Sehnsucht. Das macht ihn sehr sympathisch, ganz gleich ob man ihn, seine Texte oder seine Musik versteht. Alle spüren: er macht nicht einfach weiter, sondern er will noch etwas. Er hat ein Ziel. Wir kennen es nicht, aber: wir folgen ihm, weil er, seine Musik und sein Gesang süchtig machen.

Joachim Gröschel am Schlagzeug und an der Perkussion ließ sich diesen fulminanten Abend nicht entgehen und zog kräftig mit. Showtime war angesagt bei seinem fünfminütigen Schlagzeug-Solo. Wenn Joachim Gröschel sich musikalisch einmischt, dann sind fünf Minuten verdammt kurz, das "Amuse gueule" also viel zu klein. Wir benennen es jetzt auf Deutsch: Ein heißer Abend! In jeder Hinsicht heiß. Musikalisch, menschlich und von den Temperaturen ganz zu schweigen. Bei so viel Hitze musste der kammermusikalische Aspekt und das Feinsinnige in der Musik von Uli Kieckbusch etwas im Hintergrund bleiben.